Wo es uns hintreibt

IMG_4885Nach über einem Jahr will und soll ich diesen Blog beenden. Mein neues Leben hat mich vollkommen verschlungen, ich lebe mit meiner neuen Familie in meiner alten Wohnung in meiner alten Stadt und arbeite in meinem alten Job – und doch ist fast nichts gleich geblieben.

Ich hatte nicht nur das Gefühl, weg zu sein, ich war weg. Meine Heimat habe ich kurzfristig auf mein Fahrrad gepackt und alle Schlüssel in Wien gelassen. Ich war auf Reisen, hatte alles was ich brauchte bei mir und zumindest für ein Jahr nicht einmal die Möglichkeit, zurückzukommen. Ich war wieder Ausländer und hatte Zeit, mich auf eine neue Kultur und mein neues Leben einlassen.

IMG_2566Istanbul

Hatte Frankreich und Portugal noch den Flair eines langen Urlaubs, so war Istanbul meine Terra Incognita – das „Land“, das ich entdecken wollte. Im Nachhinein ein größenwahnsinniges Vorhaben. Istanbul sehen, dokumentieren oder gar verstehen? Das schafft wohl niemand. Trotzdem wurde es meine Heimat. Nicht im großen sondern im kleinen in meinem Grätzel Rasimpaşa. Dort, wo ich gegrüßt wurde, Freunde hatte, dort wo ich ohne Kamera spazieren ging weil ich jede Ecke gekannt habe. Im großen habe ich Istanbul recht gut erfahren – im wörtlichen Sinn mit meinem Fahrrad. Zu fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre das nicht möglich gewesen und dank meinem treuen Herkules bekam ich auch Verbindung zur istanbuler Fahrrad-Community.

2009 fuhr ich nach Jahren wieder das erste Mal alleine in den Urlaub und landete am Atatürk Airport in Istanbul. Erst dort bemerkte ich, eigentlich nichts über die Türkei zu wissen und kein einziges Wort türkisch zu sprechen. Seit dieser großartigen Reise ist die Türkei ein Sehnsuchtsort geworden, zu dem es mich jedes Jahr hinzog und wo ich dann auch Christelle kennenlernte. Letztendlich konnte ich dort ein Jahr leben und dort wurde auch meine Tochter Ada geboren. Das wird mich immer mit dem Land verbinden.

DSC_3102Äthiopien

Meine Reiselust schien unzerstörbar und doch ist sie heute ein wenig eingeschlafen. Äthiopien war ein guter „Abschluss“ vor meinen Familien-Jahren. Das Land hat mich mit seiner großen Ungerechtigkeit durchgewühlt und den Weltverbesserer in mir wiedererweckt. Ich verstand damals die Welt nicht mehr oder vielleicht einfach nur etwas zu gut. Reisen sollte „bilden“ und das sollte man sehr weit fassen. Um Äthiopien, dessen Menschen und deren Situation zu verstehen zu verstehen reicht definitiv kein Dumont Kunstreiseführer. Im großen lies mich dieses Land verzweifeln – nur im kleinen gab es überall die erlösende Hoffnung.

IMG_3992Frankreich

Noch eine neue Heimat bekam ich in La Péronnie in Saint-Yrieix-la-Perche am Bauernhof der Familie Séguy. Meine dort entdeckte Freude am Landleben und meine Nähe zu Tieren war für mich vielleicht die größte Überraschung des letzten Jahres. Das mit der Sprache klappt leider mehr schlecht als recht, aber ich habe ja noch etwas Zeit, unsere Familiensprache Französisch zu lernen. Dabei mochte ich Frankreich nie sonderlich. Als Student war ich von Italien und seinem Essen begeistert und erkannte meine Liebe zu kleinen Inseln und schroffen Küsten. Das alles war für mich nicht Frankreich, doch jetzt erst habe ich das wundervolle Land zu schätzen gelernt.

DSC_8454Österreich

Meine neue alte Heimat hat mich wieder und ich habe meine kleine Familie mitgebracht: Christelle, Ada und Pepito. Es ist ein guter Platz zum Leben und ich denke, wir werden hier gut zurechtkommen.

Die ganze Reise durch mein Leben hat bisher überraschend gut funktioniert, obwohl ich mich treiben lies. Ob ich nur Glück hatte oder es meine Entscheidungen waren werde ich wohl nie wissen. Nur jetzt kann ich mir aber nicht mehr die Frage stellen, wo es mich hintreibt. Ab jetzt heißt es „Wo es uns hintreibt“.

Vielen Dank für’s Lesen und alles Liebe,
Euer Harald

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Der lange Weg zurück

Schon wieder 5 Wochen kein Artikel – vielleicht, weil in der Zwischenzeit eigentlich nicht viel geschehen ist. Der Sommer hatte drei Abschnitte, die vielleicht jeweils einen Blogeintrag verdient hätten. Hier aber alle zusammen…


Teil 1 – Frankreich und Pierre

Die Tage in Frankreich purzelten nur so dahin, 10 Tage bei der Schwägerin, eine Woche bei den Schwiegereltern. Viel konnten wir nicht erledigen: Essen, Einkaufen fahren, etwas im Haus machen, Spazierengehen, Abendessen und ein Bier trinken. Überraschend bekam ich nach ein paar Tagen ein seltsames Jucken und wollte begann, mich um ein Fahrrad umzuschauen.

Im Decathlon-Sportgeschäft (eine große, ich glaube, britische Kette) sah ich viele billige Räder und für nur 900€ ein tolles Rennrad. Am Abend recherchierte ich im Internet, ob es denn gut ist und alle Webseiten meinten ja. Kauflustig fand ich dann die britische Decathlon-Webseite, wo das selbe Rad auf 700€ reduziert war. So wollte ich es nicht mehr, wollte aber um so mehr ein Fahrrad. Google leitete mich in den Planet Velo, einem Geschäft in Limoges und dort fragte ich ob der vielen Super-Rennmaschinen schüchtern, ob sie denn ein Rennrad unter 1000€ hätten. Der nette (!), englisch sprechende (!!) Verkäufer meinte, nein – neu nicht, kramte im Lager ein Fahrrad heraus und sagte, nur dieses.

IMG_3994So lernte ich meinen neuen besten Renn-Drahtesel-Freund „Pierre“ kennen. Ein Custom-Fahrrad der Marke „LaPierre“ mit Carbon-Rahmen und Team-Lackierung, Shimano 105er Ausstattung und weniger als 8kg leicht. 6 Jahre alt und nur 450€ teuer. Ich wollte noch eine etwas Bergfähigere Übersetzung, neue Tapes am Lenker und eine neue Kette – alles kein Problem und ich bekam das alles sogar gratis. Für die neuen Schuhe und die (SPD-) Pedale bekam ich noch 15% Rabatt. Noch schnell zum Decathlon, billig eine Radhose, Helm und ein Trikot kaufen und ich war komplett. Ich denke, das war das schönste „Shopping-Erlebnis“, an das ich mich erinnern kann. 😉

IMG_4147Pierre

Rennradfahren ist anders. Schnell, weit nach vorne gebeugt, nahe am Asphalt, sehr direkt. Für mich ein Segen, denn der Hintern wird massiv entlastet und ich werde nicht wund. Die Hände haben mehrere verschiedene mögliche Positionen und werden vielleicht ausgeglichener belastet. Das Fahrrad ist viel leichter. Die Streckmuskulatur (Arsch, Oberschenkel, Wade) ist mehr gespannt und stärker. Durch all das ist man vor allem eines: schneller. Auf meinen Touren fuhr ich im Schnitt statt 20 km/h meist 25 km/h. Steil bergauf statt 7 km/h eher 11 km/h und im flachen statt 30 auch gerne 40 km/h. Nur Bergab fuhr der alte Hercules flotter, weil ich dessen Bremsen mehr zutraue und man sie fester drücken kann.

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Mit Pierre habe ich auch meine bisher längste Tour gefahren. 172 km und 2000 hm durch die Hügel des Limousin und Perigord. Was das Alter schadet macht das leichte Rennrad wieder Wett. Der Kommentar von Tom: „Ja, das passt zu Dir“ ist so gesehen gar kein Kompliment. Und ja, ich sehe jetzt sehr viel ältere Herren mit tollen Rennrädern herumbretteln.

Code-Sharing-Flight 😦

Der „Ernst des Lebens“ rückte näher und mein Plan zum Übersiedeln musste verwirklicht werden. Ich flog mit Pierre nach Wien, wobei ich große Scherereien mit dem Fahrrad hatte. Fahrräder und Katzen muss man zuvor IMG_4343anmelden und genehmigen lassen. Nach mehr als einer Stunde bei verschiedenen Fluglinien-Hotline das Ergebnis: Das Flugticket stammt von AirFrance, ist aber ein Code-Sharing Flug, durchgeführt von Austrian Airlines. Der Computer AirFrance sagt „NEIN“, weil Austrian die Genehmigung geben muss, der Computer von Austrian sagt „NEIN“, weil nur AirFrance Zugriff auf das Ticket hat. Alle kennen das Problem mit Code-Share-Tickets, doch keiner kann es lösen: „Computer says no!“

Also am Flughafen in Paris auf gutes Karma hoffen und in meinem Fall 90€ für die Mitnahme als Gepäckstück zahlen. Als Fahrrad wären es nur 40€ gewesen.


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Herr Rossi fand das Glück!

Teil 2 – Intermezzo in Wien und Istanbul

In der Nacht noch habe ich die Wohnung wieder übernommen und ich bekam das Gefühl, Urlaub im alten Leben zu machen. Nach nur einem Tag in Wien ging ging es schnurstracks zur Autovermietung und über die Autobahn in Richtung Ungarn.

Mein Citroen Jumper sprintete mit 120kW über die Autobahn in Richtung Istanbul. Die Strecke führte leer von Wien nach Budapest, nach Belgrad und zum Ende der Autobahn nach Nis. Dort übernachtete ich stilgerecht im „Bosporus Hotel“. Am nächsten Morgen über die Bergstraße nach Bulgarien, nach Sofia dann wieder auf einem Stück Autobahn und zur türkischen Grenze wieder Landstraßen. In der Türkei bis in die Nacht nach Istanbul über die Autobahnen, über den Bosphorus in meine kleine Gasse.

Am nächsten Tag habe ich die ganze Wohnung notgedrungen alleine in den Transporter geladen und bin dann am Nachmittag ein letztes Mal durch die Stadt gewandert, über den Bosphorus gefahren, zu den Sehenswürdigkeiten von Sultanahmet geschlendert und habe das Essen genossen.

Die Rückreise begann mit dem einstündigen Stau an der Brücke und den 50 Kilometern Stadtautobahnen bis zur Grenze von Istanbul. Danach über Schnellstraßen zu einer kleinen Grenze und auf Landstraßen durch Bulgarien. Die alte Brücke von Ruse über die Donau ist die Grenze zu Rumänien, wo ich in Bukarest noch bei einer jetzt 93-jährigen alten Dame vorbeischaute. Der letzte Tag dann direkt von Rumänien nach Ungarn und Wien.

50 Stunden im Auto, davon etwa 6 Stunden Wartezeit an 4 EU-Aussengrenzen und 2 EU-Grenzen (Schengengrenzen zählen nicht mehr), 3500 km und etwa 350 Liter Diesel, 5 Tage harte Arbeit. Zum Glück habe ich mir nicht den Jugendtraum erfüllt und bin LKW-Fahrer geworden. Die Erfahrungen auf den Fernstraßen und an den Grenzen hat mir aber gefallen und mich davon abgelenkt, von meiner Familie getrennt zu sein.

In Wien machte ich meine erste Fahrradtour (Greifensteinrunde), besuchte noch 5 Tage mein Seminar zur Ausbildung zum Mediator, bekam überraschend Besuch meiner Plainfelder Verwandtschaft (gleich ab in den Heurigen) und flog nach einem großen Wohnungsputz schnurstracks zurück zu meinen Französinnen.


Spaziergang von Les Halles zum Gare d'Austerliz

Spaziergang von Les Halles zum Gare d’Austerliz

Teil 3 – Familienzusammenführung

Noch einmal mit leichtem Gepäck nach Frankreich. Alleine durch das romantische Paris, vorbei bei an der Seine tanzenden Pärchen, zum Bahnhof Austerlitz um mitten in der Nacht bei Christelle anzukommen. Ada schläft und ich bin nur glücklich.

Was ich alles verpasst habe… Ada hat in den gut 2 Wochen in denen ich weg war gelernt zu krabbeln und sich am Gitterbett aufzustellen. In der Nacht steht sie dann im Bettchen, weint und reibt sich mit einer Faust die Augen – herzerweichend süß. Leider müssen wir jetzt sehr aufpassen, da sie vor Bettkanten nicht halt macht und schnurstracks durch die Luft krabbeln würde. Ausserdem liebt sie es, Kisten auszuräumen.

Die letzten Tage im August verflogen schnell und wir machten den einzigen „Urlaub“ am letzten Wochenende in Sarlat-la-Canéda in der Dordogne (Link) und in Rocamadour in Lot (Link).

Sarlat ist ein kleines touristisches Zentrum und hat einen umwerfend schönen mittelalterlichen Stadtkern. Früher hätte ich so etwas nicht zu sagen getraut, aber Frankreich hat die schönsten Dörfer Europas. Wahrscheinlich macht es die Kombination von Mittelalter-Substanz, Wohlstand, Tranditionsdenken (oder auch Antimodernismus) und strenger Bauordnung aus. So sieht man noch Dörfer mit ausschließlich steingedeckten Häusern, unterirdischen Stromleitungen und ohne Sat-Schüsseln oder hässlichen Werbeplakaten.

Rocamadour war unser zweiter Stopp und hat mit ebenfalls die Kinnlade ausgerenkt. Zuletzt habe ich in der Türkei in Sumela eine derart beeindruckende Klosteranlage in einer Felswand gesehen. Wir haben es uns in einem kleinen Hotel eingerichtet und in einem Restaurant auf der Terasse hoch über dem Tal unser Confit de Canard gemampft. Gott lebt sicher in Frankreich.

IMG_5573Die Reise nach Wien war dann relativ einfach und schnell. Die Katze durfte trotz Code-Sharing-Flight unangemeldet mit, der Charme von Ada hat uns aber auch an jedem Schalter weitergeholfen. Ada hatte großteils Spaß an der Reise und den vielen Menschen. Mittwoch den 2. September um 22 Uhr waren wir dann alle gemeinsam in der Alser Straße.


IMG_5539 IMG_5493 Vielen Dank auch noch einmal unseren französischen Verwandten, die uns den ganzen Sommer ausgehalten haben!

Abschied nehmen

Im letzten Monat gab es viel zu schreiben, ich konnte mich aber nie dazu aufraffen, mich endlich an den Rechner zu setzten und einen Artikel zu schreiben – nur ein paar Facebook-Nachrichten habe ich zusammengefrickelt.

Der Gipfel des Uludag

Der Gipfel des Uludag

Radfahren

Im Juli bin ich regelmäßig mit dem Fahrrad auf Entdeckungstour gegangen. Mehrere große Touren mit jeweils über 100 km und 1500 Höhenmetern brachten mich an die andere Seite des Marmara-Meeres. Mittendrin fasste ich das Ziel, zum Abschluss den kompletten Weg auf den Gipfel des Uludag zu fahren. Teile der regulären Strecke sind furchtbar – zum Beispiel ist die einzige Straße nach Izmit eine vielbefahrene vierspurige Schnellstraße direkt neben der Autobahn durch Industriegebiete. Also wählte ich kleine, vielversprechende Straßen, die mich durch wunderbare Landschaften brachten.

Blumen vom Berg in die Stadt

Blumen vom Berg in die Stadt

Die einzelnen Tagestouren verbinden sich so zur Strecke von Istanbul über die alte Bergstraße nach Izmit, weiter rund um den Kartepe (Schneeberg) auf Bergstraßen nach Iznik, dem See entlang und über Bergpisten nach Yalova, von dort die lange Küstenstraße nach Mudanya. Die härteste Etappe ist dann die nach Bursa und in einem Stück hoch bis auf 1900 Höhenmeter auf den Uludag. So eine Fahrradtour findet man sogar in den Alpen selten. Letzten Freitag habe ich dann den Weg vollendet und bin auf den image2543m hohen Gipfel gewandert. Großteils ohne Weg und ohne Menschen. Auf dem Gipfel begann dann auch mein Rückweg nach Österreich.

All meine Fahrrad- und Jogging-Touren auf einen Blick.

All meine Fahrrad- und Jogging-Touren auf einen Blick.

Meine virtuellen Fahrradfreunde aus Istanbul gratulierten mir und verabschiedeten sich mit einem „Kudos“. So begann für mich der Abschied von Istanbul immer konkreter zu werden. Die letzte Fahrradtour, das letzte Mal mit der Fähre fahren, der letzte Türkische Cafe, der letzte Simit-Sesamkringel, der letzte Besuch in der Bäckerei und beim Gemüsehändler, wo alle Ada beim Namen kennen.

Maymun

imageDie sanfte Nostalgie wurde leider vom Abschied von Maymun überschattet. Unser Kater hatte sei dem Frühjahr Krebs. Im März wurde er operiert und er konnte wieder ungestört essen. Er fühlte sich auch wieder wohl, dann kam leider der Krebs wieder. Ein Epidermal-Karzinom, das im Körper immer größer werdende Kugelförmige Hornhautschichten erzeugt, die das Gewebe durchdringen, Adern quetschen oder die Luft abschnüren. Wenigstens ist es anscheinend nicht sonderlich schmerzhaft, weil die Nerven schnell absterben. Als Unterstützung bekam unser Kater allerlei Medikamente, die das Krebswachstum bremsen oder Ödeme auflösen. Vor etwa 2 Wochen bekam er zwei Injektionen, eine in ein Hinterbein, worauf es leider gelähmt wurde. Er konnte nur mehr schwer essen denn ein Ödem im Mund drückte auf die Zunge, er konnte sich nicht mehr reinigen, er konnte nicht mehr springen und mit seinem Bruder Pepito spielen…

Die Entscheidung, ihn Einschläfern zu lassen war dann sehr, sehr schwer für uns beide. Die Tierärztin unterstützte uns dabei und so starb Maymun auf unseren Wunsch ohne Schmerzen am 10.7.2015. Christelle brachte ihn zurück nach Hause, wo Pepito den Leichnam kurz beschnüffeln konnte und gemeinsam beerdigten wir ihn dann unter einem Busch auf Kinaliada, der ersten Prinzeninsel.

Das alles klingt für Leute, die mich kennen vielleicht befremdlich, aber ich war schon immer ein Freund von Tieren und bin in den letzten 2 Jahren ein guter Katzenhalter geworden. Maymun war aber etwas besonderes: Er hat mir voll und ganz vertraut. So hat er sich ruhig hingelegt, wenn ich seine offene Wunde am Hals verbunden habe, hat von mir sogar die phasenweise Zwangsernährung akzeptiert. Bis zuletzt suchte er meine Zuneigung – er war für mich ein Freund.

Istanbul

Am Weg zum FlughafenDie vier Listen, was ich an Istanbul nicht mag und was ich vermissen werde beziehungsweise, was ich an Wien nicht mag und was ich vermisse, habe ich wirklich angefangen. Doch ich habe schnell gesehen, das alles greift zu kurz und taugt nichts. Etwa das kurze Wort „Fähre“ auf meiner Ich-mag-Istanbul-Liste, hinter dem aber so viel nette Erinnerungen stecken.

Ich weiß, ich werde Istanbul oft vermissen – weil es vorbei ist. Wien habe ich nie besonders nachgesehnt, weil es für mich noch nicht abgeschlossen ist. Mit den meisten negativen Seiten der Stadt am Meer habe ich mich arrangiert, aber die positiven Seiten waren haben auf jeden Fall überwogen. imageEtwa die Freude über meine neue Familie – sie ist und bleibt mit Istanbul verbunden. Die schöne Wohnung, die freundlichen Leute, die kleinen Geschäfte, das Licht und immer wieder das Meer. Jetzt heißt es für mich, in Wien ein ebenso schönes Leben für uns aufzubauen.

imageDen Sommer verbringen wir noch in Frankreich, ich fliege im August für gut zwei Wochen nach Wien und weiter nach Istanbul um unseren Kram zu holen, komme dann zurück nach Frankreich und erst am 2. September übersiedeln wir dann gemeinsam nach Wien: Ada, Christelle, Pepito und ich.

Franz

Heute bekam ich leider eine sehr traurige Nachricht: Mein früherer Nachbar, Franz Leitner ist mit 75 Jahren verstorben. Sein Sohn Günther war mein bester Jugendfreund und ich verbrachte große Teile meiner Kindheit in ihrer Familie. Viele schöne Erinnerungen kommen mir – etwa der erste Urlaub ohne meine Eltern mit den Leitners in Lignano. Oder die Fahrt mit Franz in seinem LKW – vor Sonnenaufgang belieferten wir Supermärkte überall am Land mit der frischen Ware und wir durften ein Stück sogar im Laderaum mitfahren. Ich habe den Nachbar Franz sehr gemocht.


imageHier in Frankreich ist die Hitzewelle schon vorüber, wir wohnen gerade bei meiner Schwägerin Christine in Eyjeaux und bei den Eltern in Saint Yrieix la Perche (Die Ortsnamen sind für meine Mutter zum googeln).

Alles ist sehr entspannt, wir trinken Bier am Abend und haben nichts besseres zu tun. Christelle lächelt oft und singt „We are on holiday!“.

Das letzte Mal…

Langsam überkommt mich eine leichte Melancholie. In gut einem Monat werde ich Istanbul wieder verlassen, unsere Tochter wächst so schnell und alles was ich tue mache ich vielleicht zum letzten Mal.

Neue Boote

Wir hatten zuletzt drei mal Besuch von Freunden: Die Schwägerin Christine mit ihrem Mann Cyril aus Frankreich, unsere Freunde Thomas und Rocio aus Wien und meine alte Couchsurf-Freundin Riona mit ihrem Freund James aus London.

IMG_2477Als ich am 1. Juni mit Riona und James mit der Fähre nach Eminönü gefahren bin wurde ich überrascht: Die alte stählerne 30 Jahre alte Fähre wurde durch ein neues wendiges Modell aus Fieberglas ersetzt. Praktisch, angenehm klimatisiert und flott aber halt nicht das mir gewohnte Boot – „mein“ alter rußender Dampfer.

Feiern

Die letzten Wochen waren auch voller Gründe, zu feiern: Muttertag, Christelles Geburtstag, 2 Jahre Harald & Christelle und heute der Ausgang der Parlamentswahlen in der Türkei.

Dann wieder diese abschließenden Gedanken: Habe ich den Grill zum letzten Mal geputzt? War das die letzten Terrassenparty? Werde ich diesen Bekannten noch einmal sehen? Es gab unter den französischen Lehrern schon eine Abschiedsparty, denn einige Kollegen haben gekündigt und fahren noch Ende Juni sofort nach Frankreich.

Topfengolatschen

Thomas kennt mich und hat mir direkt aus Wien vom „Bäcker Geyer“ zwei herrliche Topfengolatschen mitgebracht. Dabei hatte ich fast vergessen, wie herrlich sie sind und wie gerne ich sie habe. Um mir den Abschied also etwas einfacher zu machen habe ich die Idee, Listen zu schreiben: Was ist gut beziehungsweise schlecht in der Türkei, was gut oder schlecht in Wien. Dann schaue ich mir nur die schlechte Türkei-Liste und die gute Wien-Liste (auf die die Topfengolatsche kommt) an.

IMG_2618Mein erster Punkt für die „Nervt mich in der Türkei“-Liste sind diese Liefer-Scooter, die durch die Fußgängerzone und sowieso überall rasen. Für das Bild habe ich das Handy herausgenommen und musste nur 2 Sekunden warten bis der erste Wahnsinnige Lieferflitzer durch die Menschen rauscht. Weiter Punkte wären der Mangel an Grün, die ewige Lust auf Lärm, die schlechtesten Autofahrer der Welt oder auch der Mangel an Schweinefleisch. Dann die Umweltverschmutzung, das untrinkbare Leitungswasser und so weiter und so fort. Es gibt auch die Liste mit schlechten Dingen in Wien, aber an die sollte ich jetzt nicht denken – das Stichwort „Wahlergebnisse“ sollte schon reichen.

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Oft werde ich am Weg von Baustellen aufgehalten, wie hier für eine neue Autobahn zur dritten Brücke.

Fahrradtouren

cycled_june07Meine großen Pläne, wo ich überall mit dem Fahrrad hinfahre sind sehr rasch ganz klein geworden, aber das ist auch in Ordnung. Ich habe in den letzten Monaten Istanbul ganz gut erkundig und bin etwa 1500 Kilometer gefahren. Zwei große Fahrten habe ich noch vor: eine lange und eine mit wirklich vielen Höhenmetern. Leider ist bei der letzten Fahrt ein Schaltseil eingerissen und ich sollte auch mindestens den hinteren Mantel ersetzen, denn er hat schon 4 Löcher, durch die ich mir schon einen Patschen gefahren habe. Meine virtuellen Strava-Freunde haben mich indirekt dazu angespornt, vom Trekking- auf ein Straßen-Rad umzusteigen – mein neues Hobby im Herbst. Ein Rennrad wäre immerhin 5 Kilo leichter und in meiner Vorstellung fährt es sogar bergauf fast von alleine.

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Beim Patschenflicken

Bei der vorletzten Tour hatte ich auch einen kleinen Crash als ein unbedachter Fahrer von der anderen Straßenseite auf meine Seite einbog, mich etwas abdrängte – ok, ich habe eh gleich gebremst – aber dann spontan rechts abgebogen ist, womit er mich „zum stehen“ gebracht hat. Ich habe zwar mir nur den Ellbogen aufgeschürft, dafür lernte der Mercedes-Minivan-Fahrer, wie man auf deutsch sehr lauf flucht und schimpft. Ich fluche aus Prinzip nur auf deutsch, denn so denken die Leute eher, der spinnt und sie werden mir gegenüber nicht aggressiv. Die Türken sind ja im PKW schwer bewaffnet und es gibt bei echten Streits immer wieder unschöne „Zwischenfälle“.

Ada

Ada unterstütz mich bei der Buchführung

Ada unterstütz mich bei der Buchführung

Etwas überrascht war ich bei den Telefonaten mit zwei Freundinnen aus Wien. Beide hatten keine Ahnung, dass Christelle seit Ostern wieder arbeitet und ich mich 4 Tage die Woche um Ada kümmere, sie füttere, wickle, mit ihr spiele und spazierengehe. Diese Zeit ist toll für mich, Ada ist sehr kooperativ und hilft mir beim Protokollieren des Gacki-Wegmachen (siehe Foto).

Leider macht es mich auch ein wenig melancholisch, wenn ich süße Strampler wegräume, die ihr nicht mehr passen. Die Geburt und die erste Zeit scheint schon so weit hinter uns zu sein. Deshalb habe ich eine kleine Chronologie vom Jänner bis Ende Mai zusammengestellt…

Was ich sonst so tun wollte

Die Betreuung von Ada frisst meine ganze Zeit auf und ich komme kaum dazu, ein Buch oder eine Zeitschrift zu lesen. Mein halber Meter ungelesener deutscher Bücher ist nur 10cm geschrumpft. IMG_2629Letztens ist mir auch aufgefallen, dass ich nur mehr Fotos knipse und nicht mehr mit Genuss fotografiere und bastle. Vielleicht sollte ich das auch wieder versuchen. Mein kulturelles Highlight war letzte Woche im Köse Kulturzentrum an der Ecke (Köse heißt Ecke) die Filmvorführung von „The fortune you seek is in another cookie“ von Johannes Gierlinger. Der Künstler war anwesend und es stellte sich heraus, dass er aus Bergheim stammt und in Wien am Brunnenmarkt wohnt. Der Film war gut – mehr Kunstwerk als klassische Doku und beinhaltete auch Bilder der Gezi-Park Proteste von vor 2 Jahren. Der Start der Gezi-Proteste war übrigens auch der Start von Harald und Christelle. Wo mich das Leben in den letzten 2 Jahren so hingetrieben hat…

Pläne

IMG_2662Ich wurde gefragt, wie es im Sommer weitergeht: Der sehr unausgereifte Plan ist, im Juli nach Frankreich zu fahren, ich dann alleine weiter nach Österreich, nehme mir einen Miet-Transporter, fahre nach Istanbul, übersiedle unseren Kram nach Wien, richte die Wohnung etwas her und hole dann irgendwann Christelle, Ada und die Katzen. Ich habe im August eine Woche Seminar und beginne dann am 7. September wieder zu arbeiten. Soweit der Plan – aber ich weiß, wozu Pläne in Wirklichkeit da sind.

Jeden Tag das Meer sehen. Den Duft der unzähligen Gassen einatmen, frisches Brot, Früchte, Essen. Dem Leben auf den Straßen zuhören, Kinder, die nach der Mutter rufen, die Simit-Verkäufer. Und wenn alles zu viel wird, mit einem Tee wieder auf das Meer hinaussehen.

Politik in der Türkei

Ein etwas schwieriger Artikel, denn je länger ich zuwarte und Material sammle, desto mehr werde ich vom Thema erschlagen. Es wird deshalb kein fachlich vollständiger Artikel über die politische Situation in der Türkei sondern ich liefere höchstens ein paar Anekdoten und hoffe, das Türkentum dabei nicht zu beleidigen. Das wäre ja noch immer eine Straftat (siehe Link).

Eröffnung der 51. Presidential Cycling Tour of Turkey


Erdogan fördert Radfahrer

Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Der frisch gewählte Präsident eröffnete mit einer Radfahrt von Üsküdar nach Harem die „51. Presidential Cycling Tour of Turkey“ (LINK). Dabei erwähnte er, dass es Radfahrern in Istanbul nicht leicht gemacht wird und die Fahrräder zu teuer sind – eine Aufforderung an die türkischen Fahrradproduzenten.


Moscheen für die Universität!

Als weitere Förderung für die Jugend versprach der Rektor der Technischen Universität Istanbul eine Moschee in der Uni zu bauen, denn es gibt eine Petition mit 185000 Unterstützern. Eine Uni in Canakkale (CÖMÜ) hat schon 3 Moscheen und 53 Gebetsräume, da sollte man nicht nachstehen. Andererseits wurde deren Rektor trotz Wiederwahl von Präsident Erdogan entlassen, weil er ein „Gülenist“ sei (Quelle: Hurriyet).

jediBlöd war jetzt nur, dass die Studenten gegen die Moschee protestierten und wenn Petitionen etwas bewirken, denn schon gleich eine Petition mit 20000 Unterschriften für einen Buddhistischen Tempel abgaben. So fühlten sich aber die Jedi-Ritter diskriminiert und verlangten mit (dzt.) 8300 Unterschriften einen Jedi-Tempel (Link zur Petition).

IMG_1515Leider habe ich noch keine Bilder vom vielleicht verwirklichten Jedi-Tempel, aber in dem alten Krankenhaus von Haydarpasa steht ein Bierzelt, das als Moschee verwendet wird. In der Neuplanung ist über der Tiefgarage schon eine große Moschee vorgesehen. Zum Glück!


Diese Armenier

Ich werde sicherlich nicht vom „100ten Jahrestages des Genozids an den türkischen Armeniern“ sprechen. Es wird zwar nicht mehr geahndet, aber prinzipiell ist es noch immer eine Beledigung des Türkentums – und ich will nicht in den Knast. Der pensionierte Berater des Premierministers sagt es im Interview in der „Zeit“ so (Interview: Link):

„Wenn ich das, was 1915 geschah, mit der UN-Definition vergleiche, wird deutlich, dass man von einem Genozid sprechen muss.“

Das klingt direkt, aber in Österreich kann man das nicht einfach auf Facebook schreiben. Als die österreichische Bundesregierung jetzt endlich den Völkermord als solchen anerkannte sprudelten die türkisch-nationalistischen Kommentare gerade so in das Netz. In Wien gingen die Türken empört zum Demonstrieren auf die Straße und erzähltem jedem ihre Sicht der Dinge. Der beste Kommentar war „Wenn es so etwas gegeben hätte, würde unser Präsident das auch sagen.“ – Genau!

IMG_1564Hier in der Türkei schaut das ganz anders aus. Es gab zum Jahrestag am 24.4. zwar ein paar Aufrufe für eine Demo und irgendwo auch eine Gedenkfeier, aber nein, nichts. Keiner verlangt ernsthaft, das Wort „Genozid“ zu verwenden und jeder halbwegs gebildete Mensch – und vor allem alle Politiker – wissen eh, was geschah. Nicht einmal die Armenische Regierung verlangt dieses Eingeständnis von der Türkei, sie wollen einen Frieden „ohne Vorbedingungen“.

Die Ursache liegt meiner kleinen Meinung nach in der Gründung der Türkei als Nation von Türken, die türkisch sprechen, Moslem sind und sich als Nachfahren der Seldschuken sehen. Das Osmanische Reich, ein Vielvölkerstaat, zerfiel, der erste Weltkrieg war eine Tragödie und Schande und so haben sich die „Jungtürken“ (Link) auf das konzentriert, was man ihnen nicht nehmen konnte: Türkisch zu sein. De fakto ist die Türkei noch immer ein Mehrvölkerstaat mit Kurden, Arabern und kleineren Volksgruppen. Können denn Kurden Türken sein? So wurden und werden alle Minderheiten als der innere Feind angesehen. Der erste, der diesen jungtürkische Chauvinismus lockerte war der jetzige Präsident Erdogan, der auch den inneren Feind ersetzte.

Ich sehe etwas Ähnlichkeit in der Diskussion, wie denn nun Staatsbürger in Israel genannt werden. Laut Verfassung sind die Bürger Israels nämlich „Juden“, „Drusen“ oder „Araber“. „Israelis“ gibt es nicht, also kann man kein säkulärer Bürger Israels sein (Link). Genauso ist man in der Türkei „Türke“ oder „Kurde“ oder „Araber“, wobei sich nur einer Gruppe als Träger der Nation sieht.


Die Parteienlandschaft

Es gibt viele, viele Parteien, aber die Türkei hat für den Einzug in das Parlament eine 10%-Hürde (!) eingezogen. Deshalb haben es bei der letzten Wahl 2011 (Link) nur 3 Parteien direkt geschafft.

60px-AKP.svgAKP – Die „Erdogan-Partei“ ist islamisch und konservativ. Frauen tragen demonstrativ Kopftuch und haben ihre eigene Rolle, Moscheebauten werden unterstützt, der Islam als „Religion der Türken“ definiert. Als Feind wird die „Gülen“-Bewegung, insgeheim alles Sekuläre und der ganze Super-Demokratische Westen gesehen, der alles mit zweierlei Maß misst. Mit der absoluten Mehrheit konnte Erdogan als Premierminister seine ersten Großprojekte starten und das Gefühl von Wirtschaftsaufschwung vermitteln. bild_geldKorruptionsskandale (zum Beispiel HIER) wurden zensiert und Kritiker werden stumm gemacht. Die AKP wollte irgendwie nie richtig zur EU und sieht die Türkei derzeit auf einen guten Weg alleine. Irgendwie hat die AKP für mich etwas von der CSU unter Franz-Josef-Strauß. Hochburg ist die Zentraltürkei und alle altmodischen Ecken wie etwa bei unsere Nachbarn in Üsküdar. Wer gegen die AKP ist ist gegen die Türkei!

60px-Chp-logo.svgCHP – Die Kemalisten leiden unter ihrer früheren Korruption und bekommen bei den Moslems keinen Fuß in die Tür. Stark in den Städten und im Westen ist die CHP die größte Oppositionspartei, die gerne alles so hätte wie in den 80ern.

60px-MHP_flag.svgMHP – Deren Truppe, die „Grauen Wölfe“ wurden in Europa als faschistische Terrortruppe bekannt. Das ist die MHP: Starker Staat, starke Hand, Feinde überall. Auch kemalistisch angehaucht schaffte sie bei den letzten Wahlen leider 13%. Wenn man die AKP mit der ungarischen Fidez-Partei vergleicht, dann wäre die MHP die Jobbik mit ihrem Schlägertrupp, der „Ungarischen Garde“. Frustrierend, wenn ich mit dem Fahrrad durch Beykoz fahre und zwei riesige MHP-Fahnen über der Straße hängen.

HDP_LogoHDP – Sammelpartei der Kurden und der Linken. Stark im kurdischen Osten und in linken Zentren wie hier in Kadikoy. Mittlerweile nähern sie sich den Grünen an und haben als großes Ziel die Überwindung der 10%-Hürde. Frauen, Gewerkschafter, Homosexuelle, Umweltschützer oder religiöse Minderheiten werden dort nicht benachteiligt und die HDP tritt offen für eine Anerkennung des Genozids an den Armeniern ein. Progressiv.

Die sehr präsente „Vatan Parti“ und viele andere tummeln sich unter 1% und haben keine Chancen auf den Einzug in’s Parlament. Die Vielzahl an Kleinparteien bringt in Summe den Großen überproportional viele Parlamentssitze.

TOMA 41, ich sah schon Nummer 101!

TOMA 41, ich sah schon Nummer 101!


1. Mai

Was für ein Bahö! 25000 Polizisten, 64 Wasserwerfer („TOMA“) rund um den Taksim-Platz, Fährverbindungen wurden eingestellt, nur damit die Gewerkschaften nicht auf ihren alten angestammten Platz marschieren dürfen. Symbolische Demos wurden immerhin gestattet. Ich erwartete mir also schon einiges auf unserer Seite in Asien, in Kadikoy, wo immer gut und viel demonstriert wird.

Überall waren Aufrufe für den 1. Mai plakatiert. Hier ein paar Impressionen der letzten Tage:

IMG_1674Was für eine Enttäuschung! Rein gar nichts. Nur ein paar Polizisten von ausserhalb in roten Westen (siehe Bild rechts), die sich langweilten. Ich meine – Kadikoy! – da wird schon mit Tränengas geschossen, wenn 20 Leute von der Altiyol-Kreuzung losmarschieren. Sozusagen, um rabiaten Radikalen Staatsfeinden die Grenzen zu zeigen. Kollegen von Christelle sind sogar schon weggezogen wegen dem vielen Tränengas auf der Bahariye Straße. Die frische Reporterin der „Zeit“ hatte wenigstens ein bischen was zu berichten (Reportage: Link). Hier war es ein normaler Freitag.

Zur Veranschauung ein Mini-Video solch radikalen Aktivisten:


Wahlen am 7. Juni

In einem Monat finden Parlamentswahlen statt. Ich bin gespannt, wie es wird, denn mit dem Einzug der HDP würde sich die ganze Polit-Landschaft massiv ändern. Als Nachrichtenquelle kann ich die deutsche „Zeit“ empfehlen, wo man im Kommentarbereich auch die Stimmungsmache der Auslands-Türken gut nachlesen kann – in der Regel Freunde der AKP.

Eine gute türkische Nachrichtenquelle ist die „Hurryet Daily News“ (http://www.hurriyetdailynews.com), die zum Beispiel heute schreibt:

„Turkish police ‚thank‘ shopkeepers for beating May Day activists“ – „Die türkische Polizei ‚dankt‘ Landebesitzer für das Verprügeln von Aktivisten“ (Artikel-Link).


Tour of Turkey

Heute und hier ist also die „Tour of Turkey“ zu Ende gegangen. Ich habe mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin frühmorgens zu einer Autobahnabfahrt gefahren, an der die Rennfahrer gewendet haben. Eine Autobahn ohne Autos – Herrlich!

Der Eindringling

Hier noch ein Nachtrag zur Geschichte unseres Eindringlings Günther (der leider kein netter Nachbarjunge wie sein Namensgeber war) und zu dessen Ende. Um die Geschichte besser verfilmbar zu machen gleich ein Vorschlag für die Besetzung…

Danial Craig

Danial Craig (Harald)

Charlize Theron (Christelle)

Charlize Theron (Christelle)

Alexander Skarsgård (Günther)

Alexander Skarsgård (Günther)

Thomas Brodie-Sangster (Maymun)

Thomas Brodie-Sangster (Maymun)

Jake T. Austin (Pepito)

Jake T. Austin (Pepito)

Soundtrack: Peter Gabriel – Eindringling (Link)


Der Eindringling

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Letzten Samstag nach dem Frühstück. Die Familie genießt den sonnigen Morgen, die Besuche von Günther, dem zuletzt etwas aufdringlichen Nachbarn sind vergessen. Christelle spielt mit Ada im Kinderzimmer, Harald ist noch im Bad. Plötzlich entsetzte Schreie am Flur, Harald stürzt tapfer im Bademantel zu Hilfe und erkennt sofort Günther, vor dem Kinderzimmer, in dem sich Christelle mit Ada verschanz hat. Tapfer jagt Maymun Günther in das obere Stockwerk, Harald hinterher, kennt er doch die Gefahr, die von Günther ausgeht. Zu recht, denn kaum ist Harald den beiden hinterher springt Günther mit gezückten Waffen und offenem Maul auf Maymun, bereit ihn zu töten. Harald zögert nicht, greift Günther an und fährt im mit der Hand an der Gurgel. Günther wehrt sich mit Händen und Füßen, versucht sogar zu beißen und kann sich durch seine fiesen Attacken aus dem eisernen Griff von Harald befreien. Christelle wollte mit einem Stuhl zu Hilfe eilen und auch der neugierige Pepito hat die Szene verfolgt, flüchtet jetzt aber vor dem entkommenen Günther auf die Terrasse und versteckt sich auf dem Dach. Harald folgt den beiden mit seiner blutüberströmten Hand nur in Flip-Flops und dem Bademantel auf’s Dach. Er muss sich zwischen die beiden stellen um Pepito zu retten. Günther sah den Wahnsinn in Haralds Augen, die selbstzerstörerische, besenschwingende Wut und lies dann im letzten Moment noch von Pepito ab um zu fliehen – aber allen war klar, er würde wieder kommen.


IMG_1173Etwas theatralisch beschrieben und Günther ist kein Messer-Killer sondern nur eine Straßenkatze, die ein Zuhause sucht. Christelle wollte ihn zuerst zur Tür hinauswerfen (vor der er uns schon einmal seine Fäkalien hinterlassen hat), er konnte aber wieder hereinlaufen.IMG_1179 Er kam am Abend tatsächlich wieder, ich konnte ihn fangen und über Nacht in eine Katzenbox einsperren. Am nächsten Morgen fuhren wir dann gemeinsam über den IMG_1182Bosporus und ich habe ihm eine neue Heimat gesucht, eine nette Brache mit einem Verschlag, wo schon eine andere Katze lebt und er sich gleich breit gemacht hat.

Tiere

Wenn einem ein Tier den Arm aufschlitzt wird man sehr agressiv. Würde das ein Mensch tun, könnte man zurückschlagen, denken, das ist ein krimineller Arsch, zur Polizei gehen oder irgendwelche Rachepläne schmieden. Günther ist aber ein Tier und nicht gut oder böse und wollte mir nicht schaden, nur sein Instinkt hat ihn dazu getrieben. Man kann sich bei einem Tier nicht rächen doch natürlich hatte ich im Augenblick den Wunsch, ihn zu ersäufen. Davor schützte mich zum Glück die Vernunft und das Recht auf Leben.

Tollwut

IMG_1156Katzen haben 4 Füße und ein Maul voller sehr scharfer Krallen und Zähne und sie gehen auch sehr, sehr schnell damit um. Meine rechte Hand ist in wenigen Sekunden so sehr zerkratzt und gebissen worden dass ich in’s Krankenhaus musste. Die Polyklinik war geschlossen, weiter zum Sifa Privatkrankenhaus, von wo man mich nach einer Wundversorgung in das staatliche Haydarpasa Krankenhaus schickte. Das Stichwort war „sokak kedi“ – Straßenkatze. Das bedeutet, möglicherweise Tollwut und deshalb gleich zum Staat.

IMG_1155Im etwas abgelebten Krankenhaus halfen mir ein paar junge Leute auf englisch und ich wurde schnell in den roten Bereich geschickt, von dort gleich zum Impfarzt um die Tollwutimpfung zu bekommen. Die offenen Wunden waren nicht von weiterem Interesse. 10g Antibiotikum für die Wunden und 5 Tollwutspritzen, von denen ich die erste gleich bekommen habe.

Tollwut ist eine fiese Krankheit, bei der es sich die Viren im Nervensystem und im Gehirn gemütlich machen. 100% qualvoller Tod und 0% Heilung. Weltweit sterben jedes Jahr etwa 60000 Menschen, die hälfte davon in Indien. Deshalb kommt wohl auch mein Impfstoff aus Hyderabad. Nach einem Tierbiss kann man noch eine Impfung machen, da das Virus einige Zeit bis zum Hirn braucht. Deshalb bekomme ich jetzt sicherheitshalber 5 Spritzen in kurzen Abständen. Die Impfung ist auch unangenehmer alle die ich bisher hatte. Fieber und Grippebeschwerden sind leider häufig und mich hat es voll erwischt. Ich weiß, dass Günther und ich keine Tollwut haben, aber es geht um das minimale Risiko. Ich könnte theoretisch 10 Tage nach dem Biss schauen ob die Katze noch lebt und einen Bluttest machen lassen und dann auf die 4. und 5. Impfung verzichten.

Trauriger Nebeneffekt der Impfung ist leider, dass ich 1 Jahr kein Blut mehr spenden darf, denn die Tollwut könnte auch erst nach einem Jahr ausbrechen. Deshalb der kleine Aufruf and den werten Leser und die werte Leserin, doch meinetwegen einmal zur Blutspende (Link) zu gehen. Es rettet Leben!

Urlaub, Kinder und Katzen

Auf die Insel

Zu meinem Geburtstag schenkte ich mir 2 Nächte im Hotel Ada Palas auf Büyük Ada, der größten der „Prinzeninseln“, den Adalar, auf der ich noch nie war. Unser erster Urlaub weg von zu Hause. Das erste Mal für unser Baby packen, das erste Mal ein Hotel mit Baby-Ausstattung buchen (wobei wir eh nichts besonderes brauchten), der erste große Schritt aus dem Wochenbett.

Büyük Ada ist viel größer, voller Touristen und so voller Kutschen, dass das Spazierengehen an der Hauptroute nervig sein kann. Es war kühl und bewölkt aber diese zwei Nächte werden mir trotzdem ewig in Erinnerung bleiben. Unsere erste Reise mit Ada.

Kinder in der Türkei

IMG_1021Ich wollte schon einen eigenen Artikel mit Anekdoten schreiben, wie Kinder hier in Istanbul angenommen werden. Auch jetzt bei unserem kleinen Ausflug ging es unserer kleinen Ada wirklich gut…

Im Hotel war alle mögliche Babyausstattung vorbereitet. Der Hotelbesitzer erzählte uns gleich, dass er einen 6 Monate alten Sohn habe und beim Abendessen im Restaurant bot er sich als Babysitter an. Da war aber schon die zierliche Köchin aus der Küche parat, erzählte von ihren Zwillingen, herzte Ada gleich und kümmerte sich um sie bis wir in Ruhe unser Abendessen genossen haben.

Eine andere kleine Familie kümmert sich um Ada

Eine andere kleine Familie kümmert sich um Ada

Am nächsten Morgen beim Frühstück war noch eine junge moderne Familie im Hotel, die die Oma im Gepäck hatten. Die fremde Großmutter hatte eine große Freude damit, sich um unsere Tochter zu kümmern und mit Ada und ihrer eigenen Enkelin zu spielen bis wir unser Frühstück verzehrt hatten.

Beyoğlu – Wir trafen im letzten Sommer eine befreundete Familie mit einem Baby in einer Pizzeria und danach plauderten wir noch auf der Straße. Da kam eine Verkäuferin aus einem Laden gelaufen nur um glücklich glucksend von den Wangen des Babys zu naschen – also mit dem Fingerrücken kurz über die Wange zu streichen. In der gleichen Gegend setzten wir uns mit Ada in ein kleines Cafe und sofort kam der junge Besitzer um uns zu Ada zu beglückwünschen, dann seine kleine Schwester, dann Handyfotos und dann noch die Mutter, die mir gleich die quengelnde Ada geklaut hat und sie im Arm wiegte.

Wir sollten in eine Polyklinik im Viertel kommen um ein Screening auf Erbkrankheiten durchzuführen. Der junge Arzt hat sich liebevoll um Ada gekümmert und als er ihr in die Ferse pieksen musste bot er mir an, doch zu gehen. Ob ich es aushalte, wenn ich das Blut meiner Tochter sehe.

Diese kleinen Szenen veranschaulichen vielleicht, wie Verrückt die Leute hier auf den Nachwuchs sind. Kinder in der Türkei haben es echt gut. Auch wenn die Erziehung vielleicht nicht die modernste ist so ist der liebevolle Umgang mit ihnen vorbildlich. Als Vater habe ich hier nie das Gefühl, mit Ada unerwünscht zu sein, man fühlt sich geachtet und unterstützt.

Katzen

Kein Platz am Katzentisch

Kein Platz am Katzentisch

Auch Katzen haben es gut, werden gefüttert und leben auch gut als Straßenkatze. Ab und zu werden auch Hauskatzen ausgesetzt und leben dann um das Haus als Straßenkatze weiter. So auch die Nachbarkatze, dich ich spontan „Günther“ taufte. Ich dachte, er wäre ein Freund unserer Kater Maymun und Pepita.

Günther tauchte plötzlich auf unserer Terrasse auf und wollte offensichtlich in die Familie aufgenommen werden. Unsere Katzen wurden etwas panisch und ich habe ihn zurück vor das Haus gebracht. Wir wissen nicht, wie er in den 5. Stock kommen konnte. Die Geschichte wiederholte sich einige Male und wird langsam gruselig. Wer nicht weiß, wie Katzen miteinander umgehen, für den habe ich 2 Videos aufgenommen (Ton aufdrehen):

DSC_6588Unser Maymun hat leider Pech, denn vor ein paar Wochen hatte er einen Tumor am Hals und die Biopsie ergab einen bösartigen Krebs. Mittlerweile ist die Operation vorbei, die Wunde verheilt und er hat sich etwas erholt. Jetzt können wir nur mehr warten, ob der Krebs wieder kommt. In der Klinik ist er der Liebling der Tierärztinnen (nur das Reinigungspersonal ist männlich).

DSC_6195DSC_6466Nichts desto trotz lernen beide Kater schon brav deutsch. Ich bin zuversichtlich, dass wir alle 5 gemeinsam nach Wien gehen.

Istanbul

Das Leben in Istanbul zerfließt derzeit. Ada, kochen, essen, einkaufen, ab und zu eine Fahrradtour und etwas laufen gehen. Nachts noch etwas leichtes lesen oder wie jetzt „Dinge erledigen“. Keine Besichtigungen, Ausflüge oder intellektuelle Schmöker. Trotzdem bin ich gerade sehr zufrieden. Ab Montag beginnt Christelle wieder zu arbeiten. Dann wird wieder einiges anders.

Leben unter der Glocke…

Dieses Mal ein etwas anderer, etwas technischer Artikel, den ich schon ein paar Wochen schreiben wollte, es heute aber aus gegebenen Anlass tue.

Funny or Die

Neulich bin ich über Facebook bei devour.com gelandet. Dort kann man witzige Videos schauen und bekommt immer ein paar weitere vorgeschlagen. Wenige Kicks für trendige Video-Berieselung. Plötzlich fehlte eine Grafik und es stand etwas türkisch geschriebenes an Stelle eines lustigen Videos.

Der Inhalt sollte von der Webseite funnyordie.com geladen werden und die wird laut dem Infotext in der Türkei gesperrt.

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Natürlich ist auch allerlei Schweinskram gesperrt, aber „funny or die“ ist doch nur eine harmlose Comedy-Seite.

Wie die Sperre funktioniert

Diese Art von Web-Sperre ist sehr einfach und sehr einfach zu umgehen. Wenn man den Namen einer Webseite eingibt wird über das „Domain Name System“ (DNS) aus dem Namen „funnyordie.com“ die Internet-Adresse (IP-Adresse) ermittelt, mit der dann die eigentlich Kommunikation erfolgt. Normalerweise bekommt der Computer oder das Smartphone den zuständigen Info-Dienst (den DNS-Server) mit der Internet-Verbindung automatisch mitgeteilt. In meinem Heim-WLAN übernimmt typischerweise die Basis-Station (der WLAN-Router) diesen Dienst und reicht Anfragen an die Turk Telekom weiter.

Wenn jetzt eine Regierung auf die Schnelle eine ganze Webseite unerreichbar machen will muss nicht erst die Kommunikation gestört werden sondern man weist einfach die Turk Telekom an, eine falsche Ortsangabe zu machen. Wenn also jede Auskunft sagt, der Beate Uhse Shop sei am Stephansplatz Nummer 1 braucht man keine Straßensperren um den echten Shop.

Mit dem befehl „host“ befrage ich verschiedene DNS-Server, wo denn funnyordie.com liegt und bekomme 2 verschiedene Antworten:

> host funnyordie.com 192.168.1.1
Using domain server:
Name: 192.168.1.1
Address: 192.168.1.1#53

funnyordie.com has address 195.175.254.2

> host funnyordie.com 8.8.8.8
Using domain server:
Name: 8.8.8.8
Address: 8.8.8.8#53

funnyordie.com has address 74.205.56.120
funnyordie.com has address 74.205.56.123

Youtube und Twitter

Genau das macht die Regierung in der Türkei gerade sehr gerne. Heute hat es youtube und twitter erwischt, Facebook ist gerade noch entkommen. Grund war ein Foto der Geiselnahme letzte Woche, das ich auf der Webseite von Zaman Today gesehen habe und noch überall zu sehen ist.

Der Grund für die Internet-Sperre

Bei youtube.com wird man derzeit zur Adresse „85.111.6.83“ geschickt, bei der ein gelogenes „Service Unavailable“ mit Fehlermeldung 503 angezeigt wird. Das soll wohl vortäuschen, es liege ein interner Fehler bei youtube vor. Die 85er-Adresse gehört zum Bereich der Turk Telekom und nicht youtube. Twitter war geblockt, läuft aber schon wieder.

Umgehung leicht gemacht

Zum Glück kann man nicht nur offizielle nach dem Weg fragen sondern auch google. Diese alte Datenkrake hat netterweise unter der Adresse 8.8.8.8 und 8.8.4.4 zwei leicht zu merkende offene und sauschnelle DNS-Server im Internet. Man huscht also einfach zu den Einstellungen und trägt als „DNS-Server diese 8.8.8.8 ein. Dabei erfährt google ein wenig von dem, was ihr ansurft.

Im Detail kann man sich beim Chaos Computer Club (Link) schlau machen.

Zensur im Internet

Härtere Sperren

Die Türkei ist da schon etwas halbherzig unterwegs. In Äthiopien war es nicht viel anders. Härter geht da schon China ‚ran. Die zeigen, was möglich ist. Nicht nur falsche DNS-Angaben sondern richtig Sperren, auf URL-Ebene und auch mir Deep Packet Inspektion. Raimund konnte auf seiner Reise zum Beispiel keine WordPress-Artikel erstellen, weil dieser Teil der Webseite gesperrt war. Es half ein SSH-Tunnel zur Schule. Derzeit wird in China versucht, auch solche Lösungen und VPN-Tunnellösungen zu blockieren.

Was wird gesperrt?

Wenn das ‚mal jemand wüsste. Die Seiten, die gesperrt sind sind natürlich vertraulich um nicht noch Werbung dafür zu machen. Mehr Infos dazu findet man auf Wikipedia (Link). Eine unabhängige Seite versucht die gesperrten Webseiten aufzulisten und ist schon bei über 70000 Domains (Link).

Pressefreiheit

Um die Pressefreiheit kann man sich auch noch ein paar Sorgen machen. Hurriyet Daily News (Link) hat einmal eine Liste mit (ich glaube) 40 Themen veröffentlicht, über die eine Pressesperre verhängt wurde. Zum Beispiel die Geiselnahme in der Türkischen Botschaft in Mossul. Die Korruptionsermittlungen um die AKP standen auch auf der Liste, aber alle Verfahren wurden still und heimlich eingestellt…


Wie fühlt man sich da? In Österreich gibt es keine Zensur oder vorauseilende Selbstzensur und doch schätzen das die Österreicher und Österreicherinnen nicht. Stattdessen lesen sie freiwillig die dümmsten Zeitungen, an denen sich die Regierung dann anbiedert. Dort wollen sie einen starken Mann, hier haben sie gerade einen Meister bekommen.

Meine Familie, der Frühling und ein Haarschnitt

Der Blog wird immer weniger Spannend, es gibt immer weniger Neuigkeiten und doch fühlt sich mein Leben derzeit sehr aufregend an.

FamilientreffenIMG_0228

Highlight der letzten Wochen war der Besuch meiner Eltern. Die beiden waren schon sehr gespannt, Ada zu sehen. Zum Glück waren sie nicht als Touristen hier, denn das Wetter war kalt und nass. Ich bekam mehr als 10 Kilogramm essbare Geschenke, darunter Marmelade, Bergkäse, Speck, Wein und Mannerschnitten.

IMG_0200Spaziergänge auf der „Sahil“, der Promenade, durch Moda, ein Amtsweg zur französischen Botschaft und ein Ausflug zur ersten „Prinzeninsel“ Kinali Ada waren unser kleines Programm. Für die beiden war die Zeit mit unserer Ada natürlich das beste.

Soziale Netze

Ein Mitbringsel war mein neues iPhone, das meine Eltern tapfer durch die (nicht vorhandenen) Zollkontrollen schmuggelten. Smartphones sind in der Türkei etwa 20% teurer als in der EU, andererseits muss ich nach 2 Monaten mein ausländisches Telefon registrieren und versteuern, ansonsten wird es gesperrt. Ganz begeistert knipse ich jetzt Fotos mit dem Telefon. Schneller knipsen kann ich quadratisch, weil ich mich nicht um das Format kümmern muss und das passt wiederum zu Instagram, wo ich gleich einen Account eröffnet habe: harald.1080 (Link). Ich weiß, das klingt jetzt richtig alt.

IMG_0651Das Telefon brauche ich aber für ein anderes Social Network: Strava ist eine Radfahr- und Lauf-Community mit einer ausgezeichneten Trecking-App, die meine Radtouren und Läufe aufzeichnet. Das besondere daran sind die Segmente – Streckenabschnitte, die jeder einfach festlegen kann. Man fährt seine Fahrradtour und sieht danach, wie gut die anderen Fahrer gleiche Abschnitte gefahren sind. Das motiviert ungemein und natürlich will man dann beim nächsten Mal dieses Segment etwas flotter fahren um weiter vorne auf der Bestenliste zu stehen. So sehe ich auch in Istanbul beliebte Strecken und die Touren der anderen Radfahrer.

Frühling

Jeder warme Tag lockt jetzt geschätzt 15 Millionen Istanbuler an die frische Luft. Ein bisschen blauer Himmel und alles ist toll…

Haarschnitt

Mir wurde jetzt langsam bewusst, dass ich Istanbul in diesem Jahr nie und nimmer kennenlernen werde. Immerhin kenne ich meine Mahale, mein Grätzel Rasimpasa schon ganz gut und werden vom Obstverkäufer auf der Straße erkannt. Große Fototouren und viele Ausflüge werde ich aber nicht zuwege bringen. Meine großen Pläne bekommen also neudeutsch einen „Haircut“.

IMG_0649Einen echten Haarschnitt brauchte ich auch wieder einmal. Also zu meinem Frisör, der kein Wort englisch spricht, mich aber immer nett begrüßt und einen tollen VIP-Service anbietet: Haare schneiden, Konturen rasieren, Augenbrauen schneiden, Ohrenhaare schneiden, Ohren mit dem Feuerzeug ausbrennen, dreifache Haarwäsche, Föhnen, Massage mit einem Haarwasser und diesem Kribbel-Schneebesen für den Kopf. Heute war aber zusätzlich noch etwas besonderes dabei. Der gute Mann steckte mir Wattestäbchen mit etwas klebrig warmen in die Nasenlöcher, wartete ein wenig bis es auskühlte und rupf!, hatte ich mein erstes Nasen-Waxing.

Sturm, Schnee und Mord

Oder die Antwort auf die Frage, wie denn eigentlich der Winter in Istanbul so war…

Lodos

Der Bosporus ist nicht nur die Verbindung zwischen dem Schwarzem Meer und der Marmara See sondern auch eine Wetterscheide zwischen dem Südwesten, der Ägäis und dem Nordosten. Meist zieht das Wetter vom Norden oder Nordosten her über die Stadt, selten kommt aber der Lodos, der berüchtigte Sturm aus dem Südwesten.

Wir wohnen unter dem Dach, der Sturm presste das Wasser waagerecht durch Dachritzen, meine an drei Dübel befestigte Markise wurde mitsamt einem Ziegelstück aus der Wand gerissen, wir kuschelten uns in’s Wohnzimmer und beobachteten das Meer.

Der Fährverkehr wurde komplett eingestellt, die Wellenbrecher vor Haydarpasa hatten endlich etwas zu tun. Teils hat man die Leuchttürme nicht mehr in der Gischt gesehen.

Am dritten Tag hörte der Regen auf und aus dem Sturm wurde eine steife Brise. Ich wagte mich zum Fotografieren an die Mole und spazierte – wo es ging – entlang der Küste. Die Wellen waren noch immer 3 Meter hoch. Tage danach sahen wir dann, was das Meer und der Wind anrichten können.

Kar Tatil

„Kar Tatil“ heißt wörtlich Schnee-Ferien. Schneefrei gibt es in Österreich seit ein paar Jahren leider nicht mehr. In Istanbul gab es dieses Jahr 5 Tage Schneefrei und sogar ein ordentliches Schneechaos. Immerhin 20cm Neuschnee an einem Tag bei uns auf der Terrasse. Wir verkrümelten uns wieder in die Wohnung und genossen die Aussicht.

WetterOnline.de hat eine schöne Fotostrecke im Web: LINK

Cinayet

Das ganze Winterchaos mit Sturm und Schneemännern endet leider für Nuh Köklü tragisch. Der Journalist Nuh Köklü war auf einer politischen Protestveranstaltung gegen die Pläne der Regierung, ein neues Polizei- und Demonstrationsrecht durchzusetzen. DSCN3551Um 20:30 Uhr am Nachhauseweg durch den Schnee gingen er mit Freunden die Karakolhane, die Hauptstraße von Rasimpasa, entlang und sie fingen untereinander eine Schneeballschlacht an. Ein Schneeball flog auf die Scheibe eines Geschäftes und der Verkäufer verfluchte sie lauthals und kam kurz darauf mit einem Baseball-Schläger auf die Truppe zu. Die Truppe hatte schon lange aufgehört mit der Schneeballschlacht und wollten den Mann beruhigen. Dabei schafften sie es, ihm den Baseball-Schläger abzunehmen. Leider ging er zurück in das Geschäft und holte ein Messer, mit dem er auf einen der Schneeballschmeisser losstürmte und ihn niederrempelte. DSCN3552Nuh Köklü half dem am Boden liegenden Freund und der Verkäufer stach Nuh Köklü in’s Herz. Er starb kurz darauf. Die Nachbarschaft verprügelte den Verkäufer, die Polizei verhaftete ihn und riegelte das Geschäft mit Metallplatten ab. Cinayet heißt Mord.

Ich gehe fast jeden Tag diese nette Straße entlang, dort kaufen wir ein, direkt daneben ist unsere Lieblingsbäckerei. 2 Tage nach dem Unglück fragte ich jemanden an der Mahnwache, was denn passiert sei. Mord mitten in meiner Nachbarschaft. Ich war schockiert – wegen einer Bagatelle wurden so viele Leben zerstört. Das von Nuh, das vom Verkäufer, das des Ladenbesitzers und von all deren Familien. Wie viel Aggression in den Menschen schlummert. Das schlimme daran ist vor allem der Gedanke, dass ich mit Ada auf so eine Bombe treffe.

Für mehr Informationen hier klicken: Bei Hurryet News oder bei Zaman Today.

Frühling

DSCN3734Alle werden glücklich, alle entspannen, es kommt der Frühling. Hier war er schon ein paar Tage zu Besuch, die ich für kleine Ausflüge mit dem Fahrrad nutzte. Die Zeit rennt mir ja davon und ich habe gefühlt nur 1% von Istanbul kennengelernt. Gestern also zu den Tepesi, den Hügeln, vorige Woche das erste Mal nach büyük çamlıca. Mehr davon aber irgendwann…